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Demnig Gunter: Es geht mehr, als man denkt - im Gespräch mit Gunter Demnig



Es scheint, als wären Sie schon immer ein öffentlicher, intensiver Spurenleger und Spurensucher gewesen. Bedingt sich das gegenseitig?

…vielleicht nicht immer gewesen, aber immer mehr hat es mich interessiert, aus dem Atelier heraus zu gehen. Die Aktion mit der amerikanischen Flagge* war sicher ein Auslöser dafür, aber gerade jetzt mit den Stolpersteinen merke ich, wie wichtig es ist, dass Menschen über ein Kunstprojekt ins Gespräch kommen. Natürlich auch durchaus kontrovers, aber das muss dazu gehören. Mit Kunst, die im Museum hängt, kann man das eher selten erreichen. Spurenlegen/Spurensuchen hat sicher erst einmal mit der eigenen Person zu tun, ist jedoch immer wieder auch ein Schritt in die Öffentlichkeit.

Ihre Aktionen der 80er Jahre, wie der Ariadne-Faden Kassel-Venedig oder die Blutspur Kassel-London, setzen immer auch einen immens körperlichen Einsatz voraus bzw. bringen diesen mit sich. Es scheint, dieser Umstand ist Teil Ihres gelebten Kunstverständnisses.

Das ist nicht unbedingt kalkuliert, aber ich habe die Erfahrung bei diesen Aktionen gemacht, dass man die Menschen viel stärker berührt und damit auch stärker in das Thema und Geschehen einbeziehen kann, wenn die Leute mitkriegen: Der macht das wirklich alles selbst. Die Authentizität ist mir sehr wichtig.

Material und Werkzeug sind als solche in den Prozess des Entstehens Ihrer Kunst integriert. Und (fast) alles geschieht öffentlich. Sie agieren im öffentlichen Raum, Sie lassen Kunst dort entstehen, sichtbar für die Menschen, die eben in einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum oder besser: an einem bestimmten Ort sind, der dem Ihren kongruent ist.

Die Arbeit im Atelier ist eigentlich immer eine konzentrierte und auch eine einsame Sache. Wichtig ist dann der Schritt nach draußen, der natürlich dann auch ein Test ist – war das so richtig angedacht… und was passiert auch mit dir selbst dabei? Bei vielen meiner Arbeiten kann ich sagen: Der Weg ist das Ziel...

Bei den Stolpersteinen handelt sich um Pflastersteine in der Größe 10 x 10 cm, auf deren eingegossenen Messingplatten „Hier wohnte“… der Name, das Geburts- und Todesjahr sowie der Ort der Deportation der ehemaligen Bewohner dokumentiert sind. Ins Trottoir eingebettet, erinnern sie an die letzte Wohnstätte der in die Deportation und Vernichtung geschickten Menschen.

Eigentlich ist dieses Projekt ja eine Verbindung: Spurensuchen – Spurenlegen über das Legen einer Schriftspur/Gedenkspur – Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti gemeinsam mit dem ROM e.V. Im Mai 1990 bin ich zu der Idee der Stolpersteine gekommen. Eine ältere Dame, die dazu kam, meinte: „Ja, ist ja gut, was Sie hier machen, aber hier bei uns haben doch niemals Zigeuner gelebt“. Als ich ihr dann meine Unterlagen gezeigt habe, ist ihr richtig das „Kinn runter gefallen“. Und mir kam die Überlegung: Moment mal, die Menschen haben nachbarschaftlich, gesellschaftlich ohne Probleme zusammengelebt. Das war der Auslöser für den Gedanken, die Erinnerung an die Opfer dorthin zurückzubringen, wo ihre Heimat gewesen war.

Bis dato haben Sie in den alten und neuen Bundesländern ca. 7.000 Steine von Aachen bis Zwickau verlegt. Bürokratische Hürden sind Sie dabei ebenso gewohnt wie Anfeindungen und Unverständnis.

Bürokratische Hürden haben mich bei meinen Projekten immer dazu gebracht: „Das wollen wir doch mal sehen…jetzt erst recht“. Letztlich steht die Erfahrung: Es geht mehr, als man denkt und ich habe mit so gut wie allen Stadtverwaltungen sehr gute Erfahrungen gemacht. Ausnahmen wie München gehören auch dazu und auch die absurdesten Gegenargumente kann man da hören: Die Stolpersteine seien formal und inhaltlich dasselbe wie der „Walk of Fame“ in Hollywood. Na ja! Und einige Hausbesitzer sind natürlich nicht besonders erbaut über solche Erinnerungen. Andere meinen, nach 60 Jahren sollte man das doch endlich vergessen – was hätten die wohl vor 30 Jahren gesagt? Dagegen stehen die Erfahrungen mit Jugendlichen, die dies wissen wollen, wie das damals im Land der Dichter und Denker geschehen konnte. Ganz besonders eindringlich sind immer wieder Zusammentreffen mit Angehörigen, die aus der ganzen Welt kommen, um die Steinverlegung zu erleben.

Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust beispielsweise spricht von einem „zeitgemäßen, persönlichen Akt des Gedenkens“.

Der erste Aspekt des Gedenkens ist für mich ein unwillkürlicher: Um den Text auf dem Stolperstein zu entziffern, muss der Passant sich verbeugen; wenn er wieder aufsieht, fällt sein Blick auf das ehemalige Wohnhaus des Opfers. Im Einzelnen sind die Steine bescheiden, aber als Ganzes gesehen bilden sie ein einziges überregionales Denkmal. Die meisten Menschen, für die Stolpersteine verlegt sind, waren im KZ Nummern, Gräber für sie gibt es nicht. Mit den Stolpersteinen bekommen sie ihren Namen zurück. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.

Ab 2006 sollen die ersten „Denkmäler von unten“ im Ausland verlegt werden. Welche Pläne haben Sie hier?

Das Projekt war von Beginn an für alle Opfer des Nazi-Regimes und für ganz Europa gedacht. Die Planung und auch die Akzeptanz erweist sich noch als problematisch, aber für 2006 sind Holland, Kopenhagen, Odessa und Mödling bei Wien in der Planung. Wichtig ist dabei - wie auch in Deutschland - die Zusammenarbeit mit Initiativen vor Ort.

Würden Sie sich selbst als politischen Künstler bezeichnen. Welchen Stellenwert besitzt für Sie politische Kunst heute in Deutschland?

Kunst hat immer auch eine politische Komponente. Selbst wenn es nach außen als l'art pour l'art wirkt. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt Stellung zu nehmen, wobei aber auch jedes Mal formale Überlegungen wichtig sind. Und ich kenne gute Kollegen, die ähnlich denken und arbeiten.

Joseph Beuys sagt: „Kunst ist eine große revolutionäre Kraft und zwar die einzige“. Begegnet man Ihren Arbeiten, so scheint diese Aussage zutreffend zu sein.

Ich nehme das als Kompliment. Ich freue mich darüber, wenn Menschen über die Steine ins Gespräch kommen. Dazu kommt das große Interesse in den Städten und Gemeinden an der Aufarbeitung und ich möchte diesen Initiativen danken und auch allen, die durch ihre Patenschaften das Projekt am Leben erhalten.

* 1970 malt Demnig auf die inneren Schaufensterscheiben seines Ateliers die amerikanische Flagge, setzt hier statt der Sterne aber Totenköpfe als Hinweis auf den Vietnamkrieg.

Das Interview führte Yvonne Schwarzer, Dortmund im Januar 2006.

Gunter Demnig, geb.1947 in Berlin, Aktions- und Konzeptkünstler. Studium Kunstpädagogik und Industrial-Design an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin und an der Kunstakademie/Gesamthochschule Kassel sowie Kunststudium an der Universität Kassel (Atelier Kramer); seit 1980 rein bildnerische Aktionen - Spuren und Marken in Natur und Städten. So etwa: Cassel - Paris - Demnig 80; Blutspur Kassel - London (1981); Ariadne-Faden Kassel - Venedig (1982). Demnig läuft von der Kasseler documenta zur Biennale in Venedig und spult auf einem 35-tägigen Fußmarsch einen roten Faden, den er in 25 Knäueln im Rucksack trägt; Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde unter der Rubrik: längstes Kunstwerk. Weitere Projekte: Landschaftskonserven (1984); Spuren Einreise (1988): Hier rollt Demnig für 24 Stunden an allen Grenzübergängen nach Berlin/W. Bleiteppiche aus. 1980-85 künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kunst der Universität Kassel. Eröffnung eines eigenen Ateliers in Köln. Mitarbeit an mehreren Projekten; Kurator im IGNIS-Kulturzentrum. Rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland. Seit 1992 Projekt Stolpersteine (Koordination und Organisation: Uta Franke). 2005 Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.